Berlin: Bröhan-Museum

Belles Choses. Art Nouveau um 1900

Unser letzter Besuch im Berliner Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus liegt einige Jahre zurück. In Erinnerung habe ich ein kleines, feines Haus, das Fans dieser Kunstbewegungen viel zu bieten hat.

Durch Plakate an Berlins Litfaßsäulen mit dem Motiv Absinthe Robette sind wir neugierig auf die aktuelle Ausstellung geworden und beschließen, endlich wieder vorbei zu schauen – im Bröhan-Museum am Schloss Charlottenburg.

Henri Privat-Livemont, Plakat Absinth Robette, Sammlung Paul und Diana Tauchner © Ader/E. Robin/E. Brosette

Sonderausstellung zum Geburtstag

Anlass für die Schau ist das 50-jährige Bestehen des Museums. Seit vergangenen Dezember ist die umfangreiche Ausstellung mit Belles Choses zu sehen – mit schönen Dingen des französischen und belgischen Jugendstils. Wunderschönen Dingen, wie wir finden!

Art Nouveau, die neue Kunst

Geschwungene Formen, bewegte Linien, florale Dekors: daran erkennt man sie – die neue Kunst Art Nouveau, die französische und belgische Spielart jener Bewegung, die in Deutschland Jugendstil getauft wurde.

Eine europäische Bewegung

Künstler in Frankreich und Belgien hatten großen Anteil an der neuen europäischen Kunst um 1900, die der Moderne den Weg ebnen sollte. Paris war ein wichtiges Zentrum und Taktgeber. Hier wirkten Architekten wie Hector Guimard, dessen Design für die Eingänge der Pariser Metro zur Architektur-Ikone wurde.

Im Bröhan-Museum ist ein grün lackiertes Metro-Geländer aus Gusseisen ausgestellt, das gut zeigt, worum es Guimard bei seiner Arbeit ging: um die Einheit von Funktion und Design. Der Ausdruck Style Métro wurde sogar zum Synonym für den französischen Jugendstil.

Kunst total

Von der Architektur über die Malerei bis zur Haarnadel: Jugendstil prägte nicht nur die bildende Kunst, sondern auch das Design von Gebrauchsgegenständen: Geschirr, Möbel, Vasen, Lampen, Schmuck oder Kleidung. Die neue Kunst machte Schluss mit der Trennung von hoher und Gebrauchskunst. Kunst sollte für jedermann und überall verfügbar sein.

Da half es natürlich, dass Gebrauchsgegenstände nun vermehrt in industrieller Massenproduktion hergestellt wurden.

Ganze Raumensembles verdeutlichen, wie Gesamtkunstwerk zu verstehen ist.

Die neue Kunst wird auch zur Vorlage für die Reproduktion. Und beispielsweise als Plakat massenhaft im Stadtbild von Paris sichtbar.

Künstler wie Henri de Toulouse-Lautrec revolutionierten das Grafikdesign. Legendär sind seine Cancan tanzenden Damen. Das Plakat entstand Anfang 1896 als Auftragsarbeit für die Aufführungen der Tanzgruppe von Mademoiselle Églantine in London.

Henri de Toulouse-Lautrec, Plakat „Troupe de Mlle. Églantine“, Paul und Diana Tauchner © Marianne Franke

Die Pariser Schauspielerin Sarah Bernhardt arbeitete gern mit Plakaten, um auf ihre Produktionen aufmerksam zu machen. Als sie für ihr Theaterprojekt Gismonda kurzfristig einen Entwurf benötigte und keiner der namhaften Künstler verfügbar war, gab sie dem gebürtigen Tschechen Alfons Mucha eine Chance. Der begeisterte seine Kundin so sehr, dass er von nun an ihr favorisierter Plakatdesigner wurde – und damit selbst zur internationalen Berühmtheit.

Émile Gallé leistete in der Glaskunst Außergewöhnliches. Hier schauen wir ihm bei der Arbeit im Atelier über die Schulter.

Seine Glaskreationen vereinen Naturmotive mit handwerklicher Raffinesse. Einige wunderschöne Beispiele seiner Kunst sind in der Ausstellung zu sehen.

Émile Gallé, Vase mit Nachtschmetterlin (1898), Ausführung Manufaktur Émile Gallé, Nancy © Martin Adam/Bröhan-Museum Berlin

Deutscher Namenspatron

Die Bezeichnung Art Nouveau geht übrigens auf einen Deutschen zurück: 1895 eröffnete der Hamburger Kunsthändler Siegfried Samuel Bing in Paris eine Galerie für zeitgenössisches Kunsthandwerk, und er nannte sie Maison de l’Art Nouveau, Haus der neuen Kunst. So kam der Stil zu seinem französischen Namen.

Die Zeit um 1900 war eine Phase der Umbrüche. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften veränderten den Alltag, die Industrialisierung erreichte ihren Höhepunkt, und das Leben verlagerte sich vom Land in die Städte.

Die Art Nouveau schuf Belles Choses, schöne Dinge, die das alltägliche Leben bereichern und eine profane Umgebung in Kunst verwandeln sollten. Es kam zu einem letzten großen Aufleben des europäischen Kunsthandwerks, während gleichzeitig industrielle Materialien und maschinelle Produktionsweisen an Bedeutung gewannen.

Mit Spitzenstücken aus nationalen und internationalen Privatsammlungen – einige werden zum ersten Mal öffentlich gezeigt – dokumentiert das Bröhan-Museum den Glanz der Epoche um 1900.

Mein Highlight …

… entdecke ich in einer der Vitrinen zu Beginn des Ausstellungsrundgangs. Um 1898 schuf der Emaillekünstler Eugène Feuillâtre dieses Tintenfass mit Pfauenfedern. Nur 6,5 Zentimeter hoch ist das zarte Gefäß, das aus der Sammlung von Paul und Diana Tauchner stammt.

Geschichte des Hauses

Das Bröhan-Museum – Berliner Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus – ist nach seinem Gründer Karl H. Bröhan benannt, der von 1921 bis 2000 lebte. Der Mann war leidenschaftlicher Sammler und ein großer Kenner von Jugendstil, Art Deco sowie der Kunst der Berliner Secession. 1973 eröffnete er ein Privatmuseum in Dahlem. Anlässlich seines 60. Geburtstags schenkte Bröhan dem Land Berlin seine Sammlung. Wie großzügig! 1983 wurde das Bröhan-Museum in den heutigen Räumen eröffnet. Das Haus gehört zum Ensemble von Schloss Charlottenburg und diente ursprünglich als Kaserne.

Fazit

Genau mein Ding! Jugendstil begeistert mich seit meiner Teenie-Zeit. Die Ausstellung „Belles Choses. Art Nouveau um 1900“ im Bröhan-Museum bietet nicht nur eine ästhetische Zeitreise, sondern auch viele Informationen zu einer künstlerischen Bewegung, die tief in den gesellschaftlichen Strömungen ihrer Zeit wurzelt. Faszinierend!

Die Ausstellung ist noch bis 14. April 2024 zu sehen.

Edgar Maxence, Diana (1898), Paul und Diana Tauchner © Marianne Franke

Info

BRÖHAN-MUSEUM
Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus
Schlossstraße 1a, 14059 Berlin 
geöffnet von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr
Tickets kosten 8 Euro, ermäßigt 5 Euro

So kommt man hin

Bus: 109, 309, M45 (Haltestelle „Schloss Charlottenburg“)
U-Bahn: Richard-Wagner-Platz oder Sophie-Charlotte-Platz
S-Bahn: Westend

Fotos © Bettina Melzer, Shutterstock, Bröhan-Museum

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