La Rochelle im Herbst (+ Video)

Weiße Stadt am Atlantik

Der Himmel ist bedeckt, als wir uns La Rochelle annähern. Auf den ersten Blick wirkt die Stadt trist und grau. Ein wenig unwirtlich. Oktober halt. Wir fragen uns für einen Moment, was wir hier wollen. Doch dann vertreibt der Westwind die Wolken und La Rochelle beginnt zu strahlen. Der helle Kalkstein, aus dem die meisten Häuser gebaut sind, reflektiert die Sonne und leuchtet vor dem tiefblauen Himmel. Wir sind verliebt.

Charaktervoll und eigensinnig

Die Hauptstadt des Départements Charente-Maritime war schon immer etwas anders, heißt es. Die Stadt und ihre Einwohner, die Rochelais, gelten schon seit der Renaissance als besonders selbstbewusst – und rebellisch! Im Mittelalter wurde La Rochelle durch den Handel mit Salz und Wein reich – und ihr Reichtum machte die Stadt unabhängig. Auch vom katholischen König Frankreichs. Man war weltoffen – und offen für neue Ideen. So wurde La Rochelle früh eine Hochburg des Protestantismus, galt sogar als Hauptstadt der Protestanten. „La Belle et Rebelle“, die Schöne und Rebellische“, ging dem Katholiken auf dem Thron komplett gegen den Strich.

Weswegen Ludwig XIII La Rochelle in die militärische Mangel nahm. Die Belagerung endete nach dreizehn Monaten am 30. Oktober 1628 mit der Kapitulation der Stadt und ihrer Übergabe an den berüchtigten Kardinal Richelieu; zwei Tage später zog der König ein. Von den 28.000 eingeschlossenen Bürgern hatten nur 5.000 überlebt.

Von dieser Katastrophe hat sich die stolze Stadt natürlich längst erholt. Bis heute ist der Hafen von großer Bedeutung – vor allem für Fisch. Student*innen zieht es an die renommierte La Rochelle Business School. Auch als Filmstadt genießt sie einen guten Namen. Und schließlich gilt La Rochelle als Vorreiterin in Sachen Umweltpolitik. So ist die Altstadt schon seit 1975 autofrei und besitzt Frankreichs erste Fußgängerzone.

(c) Simon Pallard, Unsplash

Markante Silhouette

Der schönste Weg nach La Rochelle führt über’s Wasser. Wer mit dem Boot anreist, wird von zwei mächtigen und markanten Türmen empfangen: St. Nicolas und Kettenturm, „Tour de la Chaîne“. Früher wurde in der Nacht eine Kette zwischen den Türmen gespannt und der Hafen so „verriegelt“. Daher der Name.

Jahrhundertelang waren die Türme für die Kapitäne ein weithin sichtbarer Orientierungspunkt. Heute sind sie das Wahrzeichen der Stadt und fehlen auf keinem Instagrampost. Die Türme markieren das Tor zu La Rochelles touristischer Hauptattraktion, dem „Vieux Port“, dem Alten Hafen.

Bummeln am Alten Hafen

Wir sind ganz schlicht mit dem Auto angereist. Unser Hotel liegt am Rande der Altstadt, nur zwei Gehminuten vom Alten Hafen entfernt. Wir laden schnell unsere Koffer ab und machen uns flux auf den Weg.

(c) Francis Giraudon, La Rochelle Tourisme

Um die Ecke kommen wir an La Rochelles wohl schönstem Turm vorbei, an der „Tour de la Lanterne“, dem Laternenturm, der im 15. Jahrhundert erbaut wurde. Die Laterne in der Turmspitze diente früher als Leuchtfeuer und Orientierungshilfe für die Seefahrer.

Das Zentrum der Altstadt wird eingefasst von den Uferstraßen, im Norden vom „Quai Duperre“ und im Westen vom „Cours des Dames“.

Hier starten die Ausflugsboote zu ihren Trips, wie beispielsweise zum Fort Boyard, wo in den 90er Jahren die gleichnamige Action-Show fürs Fernsehen produziert wurde.

Das Fort diente im 17. Jahrhundert dem Schutz des Marine-Arsenals von Rochefort. Der ovale Bau ist keine Schönheit, der Schiffsausflug dahin schon.

Bild von Thaie auf Pixabay

Sehr schöne alte Häuser aus hellem Kalkstein säumen das Hafenbecken.

Parterre ist in den meisten Gebäuden ein Restaurant, ein Café oder eine Bar untergebracht mit Gastterrasse und Blick aufs Wasser. Bei Sonne sitzen wir auch im Oktober noch draußen und genießen spätsommerliche Temperaturen.

Am Alten Hafen trifft man sich zum Schwatz mit einem „Entre deux Mers“ im Glas, lässt sich ein paar Austern oder taufische Meeresfrüchte servieren und schaut, was so los ist. Mehr als 12.500 junge Leute studieren in La Rochelle. Das macht sich abends in den Kneipen, Bars und Restaurants mit quirligem Leben bemerkbar – wenn nicht gerade Corona das Leben lahmlegt.

Altstadt

Ein Blickfang am Hafen ist die „Porte de la Grosse Horloge“, der große Uhrturm mit dem Tor zu Altstadt.

Das Tor ist selbst ist wesentlich älter, im 18. Jahrhundert erhielt es mit der Uhr seinen sehenswerten Aufbau.

Die Altstadt ist geprägt von hellen Renaissancebauten und Arkadengängen.

Auch einige Fachwerkhäuser sind erhalten, etwa in der Rue des Merciers. In diesem Haus trafen sich die ersten Protestanten der Stadt zu heimlichen Gottesdiensten.

Marché Central

Mein Lieblingsweg durch La Rochelles Altstadt führt direkt zum Markt im Zentrum, der „Marché Central“. Wir gehen durch eine kleine Fußgängerzone mit hübschen Geschäften, netten Restaurants und Cafés.

Hier zieht es die Köch*innen und Leckermäulchen der Stadt täglich hin, hier stand der erste Fleischmarkt der Stadt, die „Grande-Boucherie“. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts bekam der Zentralmarkt einen Überbau aus Eisen und Glas, der bis heute sein Erscheinungsbild prägt.

Der Markt ist DIE Adresse für frischen Fisch und Meeresfrüchte.

Allein die Austernstände bieten eine unglaubliche Vielfalt. Wir staunen, wie viele unterschiedliche Sorten es gibt. Wir bestellten direkt beim Händler einen Teller, lassen die Austern öffnen und am Nachbarstand ordern wir den passenden Weißwein. Frischer geht’s kaum.

Dazu kommen die anderen Meeresbewohner für die Küche: Krabben, Garnelen, Muscheln und taufrischer Fisch aus dem Altantik. Ein Traum!

Ach, und wie wunderbar wir ins Gespräch kommen! Mein Französisch ist wahrlich mäßig, und trotzdem werden wir reizend bedient und beraten. Es ist schön zu erleben, mit welcher Freude und welchem Stolz die Frauen und Männer ihre Produkte an die Kundschaft bringen.

Seglerhauptstadt

La Rochelle ist geprägt von der Kultur der Seefahrt. Heute gilt die Stadt als Frankreichs Segelhauptstadt, was sie ihrem riesigen Yachthafen von Les Minimes verdankt – mit 4.700 Liegeplätzen einer der größten der Welt.

Fazit

Eine tolle Stadt, die uns mit ihrer schönen Lage und ihrem charmanten Flair begeistert hat. Für Segler ist sie eine erste Adresse, Hobby-Historiker erleben ihre wechselvolle und spannende Stadtgeschichte, die in interessanten Museen erzählt wird, und Kulturinteressierte pilgern im Sommer zu La Rochelles renommiertem Filmfestival. Und auch kulinarisch hat „La Belle et Rebelle“ viel zu bieten – vor allem für Freund*innen von Meeresfrüchten. Hoffentlich können wir bald wieder hin!

Info: Stadtportal La Rochelle, Tourismusportal, France Voyage/La Rochelle
Sehenswert: Aquarium, Museum der Neuen Welt, Maritimes Museum, Museum der protestantischen Geschichte von La Rochelle, Türme von La Rochelle
Übernachten: Hôtel Atlantic

(c) Karim Manjra, Unsplash

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