Normannen in Mannheim

Mein Titelbild zeigt den Kopf Wilhelms des Eroberers, eine Leihgabe der Abtei Jumièges in der Normandie.

Sehenswerte Ausstellung im Zeughaus

Krieger, Händler, mächtige Fürsten, Wanderer zwischen den Kulturen: Die große Sonderausstellung der Reiss-Engelhorn-Museen erzählt spannend und mit großartigen Exponaten die schillernde Geschichte der geheimnisvollen Nordmänner und -frauen. Die Mannheimer Schau folgt den Spuren, die Normannen in Europa hinterlassen haben.

Sie kamen aus dem Norden

Ende des 8. Jahrhunderts tauchen in Westeuropa die ersten Skandinavier auf, die wir heute Wikinger nennen. Meist treten sie als Plünderer in Erscheinung, verbreiten Angst und Schrecken. Doch die Menschen aus dem Norden sind nicht nur Krieger und Brandschatzer, sondern auch Händler und Siedler. Wie jene nortmanni, die sich Ende des 9. Jahrhunderts entschließen, in Nordfrankreich zu bleiben – in der heutigen Normandie.

Das Ausstellungsplakat zeigt einen Ausschnitt des Teppichs von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert: with special permission from the City of Bayeux

Bewaffnete Krieger recken ihre Schwerter und Äxte in die Luft, und sie greifen an. Eine Szene festgehalten in Stein. Der Viking Raider Doomsday Stone gilt als ältestes Dokument eines Wikingerüberfalls in Westeuropa. Der Stein stammt aus dem Kloster Lindisfarne im Nordosten Englands, das die Nordmänner im Jahr 793 überfielen. Dieses Ereignis gilt als Beginn der Wikingerzeit.

Wikinger. Normannen. Wer ist wer?

In lateinischen Quellen werden die Skandinavier als nortmanni bezeichnet, in angelsächsischen Texten taucht das Wort vícing auf. Aus Wikingern, den Eroberern, werden im Laufe der Geschichte Normannen, die Siedler und Händler. Man könnte auch sagen: Normannen, das sind die christianisierten Enkel der heidnischen Wikinger. Alles klar?

Frühe Europäer

Auf den Spuren der Nordmänner begeben wir uns auf eine Reise durch ganz Europa – von Skandinavien bis ans Mittelmeer, von der Ostseeküste bis nach Byzanz, von der Normandie bis nach Kiew. Die Karte zeigt, wo Normannen siedelten, wo sie Handel trieben, wo sie Spuren hinterließen. Normannen eroberten England, es zog sie auf die Iberische Halbinsel und nach Süditalien, sie begründeten das Königreich Sizilien, den Prinzipat von Antiochia und kontrollierten kurzzeitig Teile der nordafrikanischen Küste.

Netzwerker

Der rote Faden der Ausstellung führt uns die Modernität dieser Menschen vor Augen. Wir erfahren: „Vernetzung“ ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Networking, das beherrschen schon die Normannen. Von ihren weiten Handelsreisen und Raubzügen bringen sie Kunstgegenstände, Waffen und exotische Handelswaren mit.

Die Nordmänner vernetzen die Welt, indem sie Handelsverbindungen schaffen und pflegen. Ihr großer Einfluss auf die europäische Geschichte des Mittelalters hat zu tun mit Mobilität, mit Erfindungsreichtum und vor allem mit der Fähigkeit, nicht nur als Eroberer aufzutreten, sondern sich zu integrieren und von anderen Kulturen zu lernen. Na, wenn das keine Lektion ist!

Die Mannheimer Ausstellung zeigt 300 hochkarätige Leihgaben aus großen europäischen Sammlungen. Die Stücke kommen unter anderem aus London, Paris, Stockholm, Barcelona, Palermo und dem Vatikan. Kostbare Kunstgegenstände und exotische Handelswaren, Handschriften und Textilien, Kunsthandwerk, Schmuck und Waffen – die Exponate spiegeln den kulturellen Austausch von Orient und Okzident, den die Normannen organisierten.

Gründung der Normandie

Einer der Nordmänner, die sich Ende des 9. Jahrhunderts im nördlichen Frankenreich niederlassen, ist Rollo. Er gilt als Begründer der normannischen Herzogslinie.

Diese Schenkungsurkunde ist das älteste Dokument, das den Wikinger Rollo und die Normannen an der Seine erwähnt.

Dudo von St. Quentin ist der erste Autor, der die Geschichte der Normannen aufschreibt. In seiner Historia Normannorum porträtiert er sie als vorbildliche, mustergültige Herrscher und betont ihre erfolgreiche Integration in das Frankenreich. Siehe da: Auch Public Relation gibt es schon im Mittelalter. Dudos Schrift entsteht um 1100 in Canterbury.

Aus dem Gebiet um Rouen, heute bekannt als Stadt der 100 Kirchtürme, entwickelt sich im Laufe des 10. Jahrhunderts das Fürstentum, das nach seinen Herrschern aus dem Norden den Namen „Normandie“ erhält.

Die Neulinge mit skandinavischem „Migrationshintergrund“ übernehmen die christliche Religion, Sprache und Kultur, verbinden sich mit den Einheimischen, sie bauen Klöster und Burgen. Und sie hinterlassen ein reiches Erbe.

Wie dieses Reliquienkästchen der ehemaligen Abtei Saint-Évroult aus dem 12. Jahrhundert, das Stilelemente aus der normannischen und der fränkischen Kultur vereint.

Aus der Abbaye aux Dames zu Caen stammt das Antefix-Kreuz. Die Abtei der Damen wird im 11. Jahrhundert von Mathilde von Flandern gestiftet und gilt als Juwel romanischer Baukunst, wofür das Sandsteinkreuz als Beispiel steht.

Besonders gelungen finden wir, wie die Mannheimer ihre Ausstellungsschätze präsentieren: Die Stücke werden vor großformatigen Fotos in Szene und in Beziehung zu ihren Orten gesetzt – wie hier mit dem Mont-Saint-Michel, der legendären Inselabtei im Wattenmeer. Das sieht attraktiv aus und hilft bei der Einordnung.

Auf nach England

England ist im frühen Mittelalter häufig Ziel von Wikingerüberfällen. Im Nordosten der Insel entsteht sogar eine von skandinavischen Fürsten und Siedlern geprägte Herrschaft, eine anglo-skandinavische Kultur entwickelt sich. Doch lassen neue Bedrohungen aus dem Norden den englischen König um 1000 nach Verbündeten suchen. 1002 heiratet er Emma, die Tochter des Herzogs der Normandie. Sie wird die erste normannische Königin Englands.

Eine Verbindung mit Folgen. Denn Normannenkönig Wilhelm, den ich als William the Conqueror im Englischunterricht kennen gelernt habe, leitet Ansprüche auf die englische Krone ab. Über seinen Feldzug gegen England berichtet eine ebenso monumentale wie faszinierende Bildergeschichte – der Teppich von Bayeux.

Auf 70 Metern Länge wird in 58 Bildepisoden erzählt, wie Wilhelm im Jahr 1066 England erobert – eines der einschneidenden Ereignisse in der anglo-französischen Geschichte. In der Ausstellung können wir uns digital alle Kapitel anschauen.

Zwar wird Wilhelm schnell zu King William gekrönt, doch soll es noch viele Jahre dauern, bis er die normannische Herrschaft auf der Insel etabliert hat. Es gelingt, wie die Ausstellung berichtet, durch eine Mischung aus Gewalt und Integrationsstrategien. Das anglonormannische Reich, das sich unter Williams Nachfolgern entwickelt, überspannt den Ärmelkanal und profitiert vom kulturellen Austausch.

Funfact: Ins Englische ziehen mit den Normannen französische Begriffe ein. Das Wort Beef ist ein Beispiel. Darin steckt Bœuf, französisch für Rindfleisch, das fein zubereitet bei Hofe serviert wird. Die Kuh auf der Weide, die nur der Bauer sieht, heißt weiterhin angelsächsisch Cow. Die gleiche Sprachdoublette gibt es beim Kalb – auf dem Teller heißt es veal, von französisch veau, auf der Weide aufgewachsen ist es als angelsächsisches calf.

Ein interessantes Detail zeigt die genealogische Rolle der Könige von England vom 9. bis zum 14. Jahrhundert: Ursprünglich war das Pergament 5 Meter lang. Der Ausschnitt, den wir in der Ausstellung zu sehen bekommen, umfasst interessanterweise auch die Herzöge der Normandie – von Rollo bis William.

Normannen im Mittelmeerraum

Im Mittelalter ist das heutige Spanien ein kultureller Schmelztiegel, der muslimische, christliche und jüdische Kultur vereint. Mit dem Zerfall des Kalifats von Cordoba im 11. Jahrhundert beginnt die Reconquista, die Rückeroberung Spaniens durch die Christen. Kämpfer sind willkommen, und so zieht es die Nordmänner auf die Halbinsel. Sie beteiligen sich an Kämpfen zwischen den christlichen und muslimischen Reichen – und lernen nebenbei den kulturellen Reichtum der Region kennen und schätzen.

Das Hisham-Kästchen – eine Leihgabe aus dem Museu Tresor de la Catedral, Girona – ist ein spektakuläres Beispielfür die iberische Silberschmiedekunst des ausgehenden 10. Jahrhunderts. Angefertigt wurde es für Hisham II, Kalif von Córdoba. Das Kästchen verbindet die christliche und muslimische Geschichte Spaniens und steht für die facettenreiche Welt, auf die die ersten Normannen im 10. und 11. Jahrhundert treffen.

Aus dem Kathedralschatz von Bayeux stammt das Elfenbeinkästchen, das eine arabische Inschrift trägt.

In Saragossa wird um 1100 dieses iberoarabische Astrolabium gefertigt, das heute im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu Hause ist. Sternpositionen, Himmelsrichtungen und Uhrzeiten können mit dem Instrument bestimmt werden. Ein Beispiel für den Wissenstransfer von antiken griechischen zu arabischen Gelehrten.

Süditalien übt eine besondere Anziehung auf die Normannen aus. Anfang des 11. Jahrhunderts kommen sie als Söldner und Pilger – und sie erkennen schnell das Potenzial der Region.

Normannen vertreiben die Byzantiner aus Süditalien und installieren eigene Herrscher. Wie Robert Guiscard, der 1059 sogar die Anerkennung durch den Papst erreicht.

Wenig später beginnen sie mit der Eroberung Siziliens, die sie Ende des 11. Jahrhunderts abgeschließen. Knapp 40 Jahre später wird die die Grafschaft Sizilien in den Rang eines Königreichs erhoben. Die Normannen haben sich etabliert und die Insel zu einem blühenden, kulturell vielfältigen Reich entwickelt.

Mit der Thronbesteigung Friedrichs II. endet die normannische Herrschaft zwar dynastisch, doch ist der junge Staufer geprägt vom normannischen Erbe, das in der Region noch lange fortlebt.

Fazit

Diese Ausstellung ist eine Reise nach Mannheim wert. Toll erzählt, multimedial präsentiert. Wir sind eingetaucht in eine ebenso spannende wie faszinierende Welt.

Infos

Titel: Die Normannen, noch bis 26. Februar 2023

Ort: Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Zeughaus, C 5/15, 68159 Mannheim

Fotos (c) Bettina Melzer

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